16. März 2026

Krebs am Gebärmutterhals, Anus, Penis oder Vulva: Duales HPV-Konzept bei Krebs im Anogenitalbereich

Kategorien:
  • Wissenschaftskommunikation
Themen:
  • Medizin
  • Wissenschaft
Arzt erklärt Frau weibliches Fortpflanzungssystem an Bildschirm und Modell.
iStock, peakSTOK

Basierend auf dem Nachweis von Humanen Papillom Viren (HPV) unterscheidet die Weltgesundheitsorganisation im Anogenitalbereich ursächlich zwei Gruppen von Karzinomen. Während HPV für 95% von Plattenepithelkarzinomen am Gebärmutterhals und Anus verantwortlich ist, werden nur etwa die Hälfte der Vulva- und Peniskrebs durch HPV hervorgerufen. In unterschiedlicher Häufigkeit treten daher in allen Organen des Anogenitaltrakts HPV-negative Karzinome auf. Zwei Drittel der HPV-negativen Vulva- und Peniskarzinome entstehen beispielsweise auf dem Boden von Dermatosen. Da HPV-unabhängiger Anogenitalkrebs häufig aggressiver ist und sich schneller entwickelt, braucht es unterschiedliche Strategien in der Behandlung speziell der Krebsvorstufen. Darüber und über weitere Fortschritte in der Prävention und Diagnostik von HPV-Infektionen und damit verbundenen Krebserkrankungen dreht sich der EUROGIN-Kongress, der vom 18. bis 21. März im Austria Center Vienna stattfindet.

„Generell unterscheidet die Weltgesundheitsorganisation (WHO) im Anogenitalbereich, der umfasst Gebärmutterhals, Anus, Penis und Vulva, zwischen HPV-induziertem und HPV-unabhängigen Krebs. Während die HPV-assoziierten Karzinome als Spätfolge einer sexuell übertragenen HPV-Infektion gelten, sind die Ursachen für die HPV-negativen Karzinome noch nicht gänzlich verstanden. Das Konzept der dualen Karzinogenese, sprich der Krebsentstehung, – also HPV-induziert und HPV-unabhängig – stellt ein übergreifendes universelles Prinzip der Karzinomentstehung im anogenitalen Bereich dar. Die Unterscheidung ist essenziell für die richtige Behandlung der entsprechenden Krebsvorstufen, denn die HPV-unabhängigen Krebserkrankungen entwickeln sich viel schneller als die HPV-induzierten Karzinome“, betont Prof. Dr. Sigrid Regauer, Expertin und Referenzzentrum für anogenitale Erkrankungen, WHO Autorin, Pathologin und Dermatopathologin vom Diagnostik- und Forschungsinstitut für Pathologie der Medizinischen Universität Graz, und Mitglied des Scientific Committee des EUROGIN-Kongresses.

HPV-Induzierter Krebs: langsame Entwicklung, Zeit für Behandlungsvarianten

Beim HPV-induziertem Krebs liegen zwischen der Infektion, der Entwicklung von nicht invasiven Krebsvorstufen und dem Fortschreiten zu invasivem Karzinom oft viele Jahre bis hin zu Jahrzehnten. Dieses langsame Fortschreiten ermöglicht es, in der Therapie der Krebsvorstufen neben der chirurgischen Entfernung oder Lasertherapie auch zeitintensive Therapieoptionen zu versuchen. Sehr gute Erfolge werden durch mehrmonatige medikamentöse (off-label) Therapie mit Imiqimod erzielt.

HPV-unabhängiger Krebs: hoch-aggressiv, schnelles Handeln

„Diese Zeit haben wir bei HPV-unabhängigen, entzündungsassoziierten Krebsvorstufen des Penis und der Vulva leider nicht. Das sind hochaggressive, schnell vorschreitende Läsionen, die sich in wenigen Monaten, aber in der Regel innerhalb von 3 bis 4 Jahren zu invasivem Krebs entwickeln können. Desweiteren sprechen HPV-unabhängige Krebsvorstufen nicht auf Imiquimod an. Genau deshalb ist es hier besonders wichtig, Dermatosen früh zu erkennen, schnell zu behandeln, und dann zu regelmäßigen Kontrollen zu gehen. Das passiert leider – vielfach aus großem Schamgefühl der betroffenen Menschen – nicht immer“, betont Regauer. Sie appelliert daher an die Betroffenen, keine falsche Scham an den Tag zu legen und an die Gesellschaft, PatientInnen mit Anogenitalkrebs nicht zu stigmatisieren.

Art der Haut / Schleimhaut ist relevant für Anfälligkeit auf HPV

Die unterschiedliche Häufigkeit von HPV-induzierten und HPV-unabhängigen Krebsarten in den verschiedenen Lokalisationen kann durch die unterschiedlichen Haut- und Schleimhauttypen im Anogenitalraum erklärt werden. „Der Gebärmuttermund im äußeren Bereich ist von unverhornter mehrschichtiger Schleimhaut bedeckt, der endozervikale Kanal ist nur von einschichtigem Epithel mit Reservezellen ausgekleidet. Die Schleimhaut des Endozervikalkanals ist daher in Bezug auf eine HPV-Infektion nicht so robust wie die verhornte Haut von Vulva und Penis“, betont Regauer. Daher gelten die exponierten, ausschließlich im endozervikalen Epithel vorkommenden, z. T. proliferierenden Reservezellen als primärer Infektionsherd und Ausgangspunkt für die meisten Rezidive, sprich dem Wiederauftreten des Krebses. Diese Zellen kommen an der Vulva und Vagina und auch am Penis nicht vor.

HPV nicht der einzige Auslöser von anogenitalem Krebs

Die seltenen HPV-unabhängigen invasiven Plattenepithelkarzinome am Gebärmutterhals wurden erst in den letzten 10 Jahren dokumentiert und erstmals 2020 in die WHO Klassifikation Tumor of the Female Genital Tract aufgenommen. „Neben der molekularen und histologischen Charakterisierung der invasiven Karzinome am Institut für Pathologie der MedUniGraz gelang unserer Arbeitsgruppe 2022 und 2023 auch die Erstpublikation der histologischen und molekularen Klassifikation der HPV-negativen zervikalen Vorstufen, die denen der Vulva und des Penis entspricht. Daher durfte ich diese neue Entität auch für die bald erscheinende 2026 Ausgabe der WHO Klassifikation beschreiben“, freut sich Regauer. Zwei Drittel der HPV-unabhängigen Penis- und Vulvakarzinome entstehen auf dem Boden langandauernder chronisch-entzündlicher Erkrankungen wie beispielsweise Lichen planus und Lichen sklerosus. „Für die HPV-unabhängigen Plattenepithelkarzinome am Gebärmutterhals und Anus konnten diese Risikofaktoren allerdings noch nicht verifiziert werden “, erklärt die Pathologin.

Dermatosen: Immunsystem als Ursache und nicht Sexualität

Vulväre und penile Dermatosen zählen im weitesten Sinn zu den Immundysregulierungen. Sie treten sehr häufig zeitgleich mit anderen Autoimmunerkrankungen auf, wie beispielsweise die Hashimoto-Schilddrüsenentzündung, die Weißfleckenkrankheit Vitiligo oder Schuppenflechte, oder bei Menschen, deren Immunsystem durch andere Umstände geschwächt ist. „Idealerweise sollte bei der Diagnose von Dermatosen im Intimbereich auch nach klassischen Autoimmunerkrankungen gefragt werden“, so Regauer. „Besonders wichtig ist, dass diese Dermatosen, die primär unangenehmen Juckreiz und Schmerzen auslösen, rasch behandelt werden sollten, denn leitliniengerechte Therapie der Dermatosen verringert das Krebsrisiko. Das geht bei Frauen mit Dermatosen an der Vulva sehr gut Mithilfe von Kortisonsalben. Bei Männern entstehen im Zuge der lichenoiden chronischen Entzündungen oft Vorhautverengungen. Als Therapie wird die Vorhaut entfernt, was meist als kurative Maßnahme ausreicht“, erklärt Regauer.

Interdisziplinärer Wissensaustausch für schnellere Diagnose und Therapie

„Während wir für die HPV-induzierten Karzinome Risikofaktoren und Präventionsmaßnahmen wie die HPV-Impfung kennen, gibt es deutlich weniger Wissen über die HPV-negative Karzinogenese“, so Regauer. Den chronischen lichenoiden Dermatosen als wichtiger Faktor in der Entwicklung von HPV-negativen Karzinomen wird während diverser Facharztausbildungen bisher kaum Aufmerksamkeit gewidmet. Es gibt jedoch spezifische jährliche Fortbildungsinitiativen und Bestrebungen zur interdisziplinären Zusammenarbeit auf dem Gebiet der anogenitalen Erkrankungen. „Da es bei der Entstehung von HPV-unabhängigen Vulva und Peniskrebs einen sehr starken Zusammenhang mit den chronischen lichenoiden Entzündungen gibt, setze ich mich als Präsidentin des gemeinnützigen Vereins Interdisziplinäre Interessensgemeinschaft Vulvaerkrankungen zusammen mit meiner Vizepräsidentin, der niedergelassenen Gynäkologin Dr. Barbara Eberz, auch dafür ein, dass Gynäkologinnen und Gynäkologen, aber auch KollegInnen und TherapeutInnen anderer Fachdisziplinen darüber besser informiert und ausgebildet werden.“

Über die IAKW-AG und EUROGIN

Die IAKW-AG (Internationales Amtssitz- und Konferenzzentrum Wien, Aktiengesellschaft) ist verantwortlich für die Erhaltung des Vienna International Centre (VIC) und den Betrieb des Austria Center Vienna. Das Austria Center Vienna ist mit 21 Sälen, 134 Meetingräumen sowie rund 26.000 m2 Ausstellungsfläche Österreichs größtes Kongresszentrum und gehört zu den Top-Playern im internationalen Kongresswesen. EUROGIN ist einer der zwei weltweit führenden internationalen Kongresse zu HPV-Infektionen und damit verbundenen Krebserkrankungen mit Schwerpunkt auf Prävention und Diagnostik. Heuer findet er vom 18. bis 21. März im Austria Center Vienna statt.
https://www.acv.at/de/
https://www.eurogin.com/en/home.html
http://www.vive.co.at

Kontakt

Frau mit langen, lockigen roten Haaren, grauem Blazer und gemustertem Schal vor unscharfem Hintergrund

Claudia Reis

Pressesprecherin Wissenschaft

Weitere interessante Inhalte

Generell
+43 1 260 69 0

Mo—Fr 9—15:00 Uhr (MEZ)

[email protected]
Sales
+43 1 260 69 355

Mo—Do 9—16, Fr 9—12 Uhr (MEZ)

[email protected]