8. Juni 2026

Geotechnik als Klimaschlüssel im Bau: Bis zu 40 % Reduktion des CO2-Fußabdrucks bis 2030 möglich

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Tunnel im Rohbau (KI-generiert)
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Die Geotechnik ist wesentlich für die öffentliche Infrastruktur und ein wichtiger Hebel zur nachhaltigen Reduktion des weltweiten CO2-Fußabdrucks. Bis zu 90 % des klassischen Bodenaushubes wären heute technisch verwertbar, etwa durch Aufbereitung, Wiederverwendung oder lokale Materialkreisläufe. Durch Bodenverbesserungen statt Bodenaustausch könnten die CO2e-Emissionen, das sind die Kohlendioxid-Äquivalente, bei Gründungsprojekten um bis zu 50% reduziert werden. Auch die Anwendung von alternativen Bindemitteln wie Geopolymere oder kalzinierte Tone könnten bis zu 70 % der CO2-Emmissionen einsparen, die bei Zementherstellung ausgestoßen werden. Was es braucht, um mithilfe einer aktiven Rolle der Geotechnik bis 2040 klimaneutral zu werden und welche neuen Fortschritte und Innovationen in der Geotechnik hervorgebracht werden, darum geht es unter anderem in der internationalen Konferenz für Bodenmechanik und Geotechnik ICSMGE, die vom 14. bis 19. Juni im Austria Center Vienna stattfindet.

„Obwohl in der Öffentlichkeit meist nicht wahrgenommen ist die Geotechnik eine Schlüsseldisziplin in der Errichtung und Erhaltung für Infrastruktur, sei es im U-Bahn-, Tunnel- oder Straßenbau. In der Bewältigung der klimawandelbedingten Herausforderungen ist die Geotechnik besonders im Bereich Hochwasserschutz und Hangstabilisierungen gefordert, wobei hochentwickelte in-situ Überwachungssysteme eine zentrale Rolle spielen. Dem wird sowohl in Vorträgen als auch in der umfangreichen Fachausstellung Rechnung getragen. Da die Baubranche durch Baumaterialien und Bauprozesse generell an die 10 % der CO2-Emmissionen weltweit verursacht, ist es im Sinne des Klimaschutzes essenziell, dass die Geotechnik gute Lösungswege findet, um den CO2-Fußabdruck in diesem Bereich zu reduzieren. Und die gute Nachricht ist, mit Recycling-Konzepten, Geopolymeren für den Ersatz von Zement und Bodenmischverfahren statt Bodenersatz sind vielversprechende Lösungen am Tisch, für die es nun gilt, die gesetzlichen Grundlagen zu schaffen und ihre Umsetzung zu fördern“, betont Prof. Helmut F. Schweiger, Präsident der Austrian Geotechnical Society und Kongresspräsident der internationalen Konferenz für Bodenmechanik und Geotechnik ICSMGE (International Conference on Soil Mechanics and Geotechnical Engineering).

Geotechnik – wesentlicher Hebel für die CO2-Reduktion

„In Österreich verursacht die Bau- und Gebäudewirtschaft rund 20 bis 25 % der gesamten österreichischen Treibhausgas-Emissionen. 10 bis 15 % davon entfallen indirekt auf Baustoffe und Bauprozesse wie Zement, Stahl, Erdbau und Transporte“, so Schweiger. Für ihn liegt der große CO2-Hebel nicht im Betrieb, sondern vor allem im Erdbau, der Bodenstabilisierung, dem Materialeinsatz sowie im Transport und der Logistik.

Erdbau und Bodenaushub: bis zu 90 % Recyclingpotenzial

„Derzeit wird 60 bis 80 % des Bodenaushubs in Österreich deponiert. Das liegt vor allem daran, dass Boden rechtlich und organisatorisch als Abfall behandelt wird und nicht als Ressource. Derzeit werden daher nur 15 bis 25 % des Aushubs stofflich verwertet. Oft ist die Deponierung einfacher als die Verwertung. Das Potenzial liegt jedoch weit höher, sogar bei bis zu 90 %“, betont Schweiger. Durch den Transport, die Deponierung und den Ersatz durch Primärstoffe kommt es daher zu einer hohen CO2-Belastung. Durch eine Änderung der gesetzlichen Lage und den Einbezug des CO2-Fußabdrucks bei Ausschreibungs- und Vergabekriterien könnte das Recyclingpotenzial besser ausgeschöpft werden. Sogenannte „CO2-Rechner können nämlich schon jetzt den Fußabdruck, welchen eine Baumaßnahme hinterlässt, gut beurteilen. Durch Einbezug dieser Komponente bei Ausschreibungen würde der Fokus neben Kosten und Bauzeit auch auf die Nachhaltigkeit erweitert werden. Neue innovative Verfahren der Kreislaufwirtschaft, die es jetzt schon gibt, würden dann, wenn umweltfreundliches Verhalten endlich belohnt wird, verstärkt in der Praxis ankommen“, erläutert Schweiger.

Zementreduktion durch alternative Bindemittel: bis zu – 70 % Einsparungspotenzial

„Allein die Zement- und Kalkherstellung stößt jährlich 0,6 bis 0,9 Tonnen CO2 pro Tonne Zement aus. Durch den Einsatz von zementreduzierten Bindern, alternativen Bindemitteln und optimierter Dosierung kann ein CO2-Einsparungspotenzial von -30 bis – 70 % bei Bodenstabilisierung und Erdbau erreicht werden“, erklärt der Geotechniker. So kann der Zementanteil beispielsweise durch den Einsatz von Geopolymeren, das sind alkalisch aktivierte Bindemittel wie Flugasche und Hüttensand, die ähnliche Materialeigenschaften wie Zement haben, deutlich reduziert werden. Großer Vorteil bei diesen zementreduzierten Systemen ist, dass sie mit der bestehenden Technik kompatibel und in der Praxis am einfachsten skalierbar sind. Auch der Einsatz von kalzinierten Tonen, das sind natürliche Tone, die durch Erhitzen behandelt wurden, oder recycling-basierten Binder wie Ziegelmehl, Bohrschlamm und Industrieasche können zur Reduktion beitragen.

Straßenbau und Brenner Basistunnel als Beispiele für Kreislaufwirtschaft

Der neue Brenner Basistunnel, der 2032 eröffnet werden soll, zeigt vor, wie Recycling und Kreislaufwirtschaft im Erbau gut funktionieren kann. „Hier wird das Tunnelausbruchsmaterial systemisch charakterisiert, aufbereitet und als Dammmaterial, Tragschichten und Zuschläge wiederverwendet. Insgesamt 50 % des Ausbruchsmaterials wird so stofflich verwertet. Das ist eine massive Reduktion von Transporten und Deponierung. Das Erfolgsrezept lautet hier frühzeitige geotechnische Klassifizierung, baustellennahe Logistik und Aufbereitung sowie klare Trennung des Abbruchmaterials in geeignete und ungeeignete Komponenten,“ erklärt Schweiger. Auch der Straßenbau gilt als Vorzeigeprojekt der Kreislaufwirtschaft. „Das liegt auch daran, dass wir bei Materialien, die künstlich hergestellt werden, wie Asphalt, ein Deponieverbot haben. Dadurch wird im Straßenbau bis zu 95% der Materialien wiederverwertet“, so der Fachmann.

Klimaneutralität bis 2040 nur mit aktiver geotechnischer Rolle

„Durch die Kombination all dieser Hebel – sprich Binderreduktion, Bodenmischverfahren statt Bodenaustausch und Aushubkreisläufe wäre eine Reduktion des baubezogenen CO2-Fußabdrucks um ca. 30 bis 40 % bis 2030 realistisch. Eine Klimaneutralität bis 2040 ist, laut meiner Einschätzung, nur mit aktiver Rolle des Erdbau- und Spezialtiefbaus erreichbar“, betont Schweiger.

Über die IAKW-AG und die ICSMGE

Die IAKW-AG (Internationales Amtssitz- und Konferenzzentrum Wien, Aktiengesellschaft) ist verantwortlich für die Erhaltung des Vienna International Centre (VIC) und den Betrieb des Austria Center Vienna. Das Austria Center Vienna ist mit 21 Sälen, 134 Meetingräumen sowie rund 26.000 m2 Ausstellungsfläche Österreichs größtes Kongresszentrum und gehört zu den Top-Playern im internationalen Kongresswesen. Die International Conference on Soil Mechanics and Geotechnical Engineering – ICSMGE ist eine der renommiertesten internationalen Kongresse auf dem Gebiet der Bodenmechanik und Geotechnik. In Wien feiert er auch das 100-jährige Jubiläum von dem Buch „Erdbaumechanik auf bodenphysikalischer Grundlage“, das Karl Terzaghi 1925 in Wien veröffentlicht hat und das weithin als Geburtsstunde der modernen Bodenmechanik gilt. Im Rahmen dieser ICSMGE-Tagung wird es, erstmals in der Geschichte dieser Tagungsreihe, eine Plenarsitzung geben, die von der EFFC (European Federation of Foundation Contractors) organisiert ist und die Bemühungen der Bauindustrie im Kampf gegen den Klimawandel und zur Verringerung des CO2-Fußabdrucks vorstellt.

https://www.acv.at/de/ https://www.icsmge2026.org/en/

Kontakt

Frau mit langen, lockigen roten Haaren, grauem Blazer und gemustertem Schal vor unscharfem Hintergrund

Claudia Reis

Pressesprecherin Wissenschaft

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